In Gedanken an frühere Schmerzen

Vor kurzem durfte ich mit Lina arbeiten. Ein liebe Stute die ich schon vor ihrer heutigen Besitzerin kannte.

 

Lina hatte damals schon immer Probleme und Schmerzen im Rücken und wurde auch panisch, sobald ein Gurt oder Strick an ihrem Körper baumelte.

Ich weiß noch das der Vorbesitzer ihr ab und an mal ein Kirschkernkissen auf den Rücken legte, einen Arzt habe ich jedoch selten gesehen. So lief sie unterm Sattel stets ziemlich flott und angespannt und bestimmt auch unter Schmerzen.

Sie war damals weit sensibler im Verhalten, stets nervös und laute Stimmen sorgten für totale Anspannung. Sie einzudecken war eine Katastrophe da sie zu der Zeit wohl erstmals eine Decke kennen lernte und jedes mal losstürmte wenn die Decke zum Einsatz kam.

Sie benötigte viel Ruhe, gutes Zureden und einfach jemanden der ihr das nicht übel nahm.

 

Im Laufe der Jahre kam sie in andere Hände, zu ihrer heutigen Besitzerin.

Wer dieses Pferd heute kennen lernt würde kaum glauben wie sie vor langer Zeit mal war.

 

Sie ist weit entspannter, relaxt und hat eine tiefe Bindung zu ihrer Besitzerin welche wahre Wunder gewirkt hat.

Ängste können sich jedoch tief verankern, nicht nur beim Menschen

Lina wurde vor kurzer Zeit plötzlich wieder äußerst sensibel und empfindlich am Rücken. Vor allem beim Satteln machte es sich deutlich bemerkbar. Sie machte sich fest, ruckte und „hopste“ plötzlich von Seite zu Seite, nach vorn oder wich rückwärts aus und zeigte Ansätze zum Buckeln.

Dies alles geschah am Anbinder und birgt natürlich somit für sie selbst Risiken, wie auch für ihre Besitzerin und anderer die sich in der Nähe am Anbinder aufhalten.

 

Für die Besitzerin eine ziemlich zehrende Sache.

 

Sie hatte über die Jahre sehr viel Zeit, Geduld und Arbeit investiert.Regelmäßig Sattel, Rücken und Gesundheitszustand kontrollieren und behandeln lassen. War das nun alles umsonst ? Wird das jetzt nun alles von vorn beginnen ?

 

Als Coach bzw. Trainer habe ich nicht nur das Pferd im Auge.

Hier hatte ich nun die Erwartungshaltung des Pferdes und auch die des Besitzers vor Augen.

Der eine hatte Angst vor Schmerzen, der andere das es dem Pferd weh tun könnte und das all die vergangene Arbeit völlig umsonst war.

 

Lina wurde nochmal tierärztlich kontrolliert und auch der Rücken nochmal behandelt.

 

Gerade wenn es um das Schmerzgedächtnis geht, MUSS ein Tierarzt nochmal gucken, um körperliche Leiden wirklich soweit es möglich ist, auszuschließen!

 

Nun konnte es ein paar Tage später auch los gehen.

Linas Besitzerin bekam den Tip mit einem Massageball bei Lina am Rücken die Berührungsfläche zu desensibilisieren.

Da sie jedoch schon steif wurde sobald die Handfläche in die Richtung wanderte war für mich vorerst die Berührung mit der Hand wichtig.

 

Denn wenn die Hand allein schon Stress auslöst bringt es vorerst nichts am Körper mit einem Gegenstand zu behandeln. Um das Stressfrei machen zu können, ist es wichtig erst einmal die Erwartung im Kopf des Pferdes zu tilgen.

Ist das Geschehen, hat sie wieder genug Vertrauen um auch bei der Berührung mit Gegenständen stressfrei zu bleiben.

Sie musste ja wieder bestätigt werden, das die Hand da oben am Rücken nichts böses will.

 

Nach 10 Minuten ging das ganz gut und die Stute entspannte mehr und mehr.

 

Es geht ans Satteln

Beim nächsten Termin ging es dann ans Satteln und ich konnte mir selbst ein Bild von der ganzen Sache machen.

Ich konnte an das Thema recht unbefangen herangehen, vor allem jedoch weil ich natürlich emotional nicht so fest in dieser Verbindung stecke wie der Pferdebesitzer oder auch das Pferd.

 

"Die Wechselwirkung von Erwartungen aus Erfahrungen und Ängsten zwischen Pferd und Besitzer ,darf man nicht unterschätzen !

Jeder kennt es ! Ist man emotional auf eine Situation versteift, fällt es oft schwer andere Lösungswege zu finden.

Und das ist völlig normal !"

 

Beim Putzen war alles wie immer . Sie war völlig entspannt, döste mal weg. Selbst als ich etwas hier und da wegen der Insekten herumsprühte (war damals kaum dran zu denken !), war alles in Ordnung.

Auch die Hand am Rücken machte ihr nichts aus.

Als ich den Sattel heranholte ging es jedoch los.Sie wurde sofort steif und im Maul fest. 

Als ich den Sattel anhob, wich sie weg.

Ich hatte jedoch in dem Moment nur den Körper im Auge, nicht ihren Blick.

Ich hob den Sattel erneut nur auf Schulterhöhe an, so das sie ihn auch noch gut sehen konnte, schaute ihr diesmal jedoch ins Gesicht.

 

"Es war als wäre sie ganz weit weg"

 

Der Blick war völlig leer. Sie beobachtete nicht was da grad geschah und handelte demnach einfach aus Erinnerung.

Da ich wusste das sie sich mit der Stimme wieder gut „wecken“ lässt, sprach ich sie an. Berührte sie mit der Hand und sagte „Alles gut“.

Schwupps zuckte der Kopf kurz und sie dreht den Kopf zu mir, die Augen wieder aufmerksam hier bei mir.

 

Frei interpretiert war das wie ein : "Hey, Du hier ? "

 

Ich zeigte ihr den Sattel, lehnte ihn an ihr an, immer ihre Augen im Blick, immer bereit sie stimmlich zurückzuholen.

Der Sattel lag auf, der Gurt baumelte. Nichts geschah. Kaum angespannt,

das Maul viel weicher.

Kein steifer Hals, nichts panisches oder leeres in den Augen.

 

Während ich sie mit dem Sattel herumführte, die Hand hier und da mal auflegte und mal mehr und mal weniger Druck ausübte lief sie immer entspannter.

 

Ich machte Schluss für den Tag. Das alles hat vielleicht insgesamt höchstens 40 Minuten gedauert.Danach wurde sie noch gefüttert-jedoch gab es keine übermäßigen Berührungen mehr.

 

 

Wenn die Erinnerung an Schmerzen so tief sitzt, können sie immer wieder mal hochkommen.

Geweckt werden sie oft durch kleinere Dinge wie zb. in der Rosse falls ein Wallach seinen Versuch startet, was ja nicht immer unbedingt sanft ist. Oder wenn der Sattel doch mal aus der Hand rutscht und etwas fester landet, wie auch bei Kabbelein auf der Weide.

Die Angst kann bleiben.

Das bedeutet jedoch nicht das man wieder zum Ausgangspunkt zurückkehrt muss.

 

"Neben der tierärztlichen Kontrolle, sind das A und O die eigene Wahrnehmung, Beobachtung und das hinterfragen"

 

Sich in so einer Situation mit Druck durchzusetzen, wäre genau der falsche Weg gewesen.

Lina hätte sich mit großer Wahrscheinlichkeit in ihrer Angst bestätigt gefühlt und das Risiko wäre ebenfalls gestiegen.

 

Doch Statt mehrerer Monate erneuter intensiver Arbeit, ist durch einen sensiblen und verantwortungsvollen Umgang das Thema in wenigen Tagen vom Tisch gewesen, was in erster Linie durch die Liebe und das Verständnis der Besitzerin geschieht.

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